Westerwelle feuern (Gero von Randow, Die Zeit, 31 mars 2011)

logo die zeitDie Zeit : Herr Lévy, mit seiner Intervention ist der Westen nun mitverantwortlich für das Geschehen in Libyen.

Wenn es nach dem Sturz Gadhafis zu Racheakten kommen sollte, was dann?
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Bernard-Henri Lévy : Versuchen, sie zu verhindern, natürlich. Auch da hätten wir eine »Schutzverantwortung«. Aber ich sehe zurzeit nicht, dass es in großem Stil dazu kommt. Natürlich kann ich mich täuschen. Aber ich habe diese jungen Kämpfer gesehen, ihre Kommandeure, ihre politischen Führer. Ich halte sie grundsätzlich für gute Leute. Und sie wissen, dass die Welt auf sie blickt. Sollte es dennoch zu einer Welle von Repressalien kommen, so dürften politische Initiativen ausreichen – und gewiss keine größeren militärischen Aufgebote nötig sein.

Aber vielleicht in Syrien, wo ein libysches Szenario möglich ist?JPEG DIE ZEIT

Gehen Sie noch einen Schritt weiter, und Sie sind bei: »Da wir nicht überall sein können, sind wir besser nirgendwo.« Hüten wir uns vor dieser Falle! Derzeit gibt es eine Operation in Libyen. Die muss zum Erfolg führen. Was den Rest betrifft, speziell Syrien: Wenn wir in Libyen Erfolg haben, dann haben die anderen Diktaturen Grund zum Nachdenken, angefangen mit Baschar al-Assad. Scheitern wir aber und Gadhafi hält sich, dann spüren die anderen Dreckskerle Aufwind. Die Intervention in Libyen ist praktisch auch eine in Syrien.

In Arabien reagiert man sehr sensibel auf alles, was nach Neokolonialismus aussehen könnte. Hier und da beginnt man sich zu fragen, wem diese Intervention eigentlich gehört – dem Westen oder den arabischen Ländern.

Zur Stunde sind sechs Flugzeuge aus Qatar und zwölf aus den Emiraten am libyschen Himmel. Und die Arabische Liga hat trotz anfänglichen Wirrwarrs die Intervention zum Schutz der Zivilisten gefordert. Was braucht es mehr, um diese Kritiker zu beruhigen? Wie lange wollen diese merkwürdigen Zeitgenossen eigentlich noch ihre alte Platte vom bösen Imperium abspielen, das hinter allem stehe?

Ihre Kritik gilt auch den Deutschen?

Der Populärpazifismus des Herrn Westerwelle hat dazu geführt, dass die Koalition wertvolle Zeit verlor. Seit Jahrzehnten hat es keine dermaßen tiefe Uneinigkeit zwischen Deutschland und Frankreich mehr gegeben.

Wie erklären Sie die deutsche Position?

Erstens durch bösen Zufall. Den unglücklichen Umstand, dass ein mittelmäßiger, inkompetenter, vielleicht sogar ahnungsloser Minister Regie führt, der, wie damals Haider oder heute Berlusconi, dem Weltdesaster nicht gewachsen ist, das Gadhafi heißt. Sodann durch die Tatsache, dass ein Mann wie zu Guttenberg, der – wer weiß? – die Dinge vielleicht ins Lot gebracht hätte, unmittelbar vor der Krise gezwungen war, zu gehen. Und schließlich durch die kurzsichtige Wahltaktik einer Frau Merkel.

Wie könnte Deutschland den Schaden begrenzen?

Kurzfristig: Westerwelle feuern. Mittelfristig: Zusammen mit Frankreich die Scherben aufsammeln. Und langfristig … da will ich Ihnen mal etwas sagen, dass Ihnen vielleicht absurd vorkommt. Aber wenn man den Fall Libyen für ein bedeutendes Ereignis zu Beginn dieses Jahrhunderts hält, wenn man glaubt, dass Europa vor einem Wendepunkt seiner gemeinsamen Zukunft mit Arabien und dem Mittelmeerraum steht, dann muss man in diesen Tagen sehr genau festhalten, wer sich wem annähert oder sich von wem entfernt – also: Warum sollte man nicht dieser quer liegenden, Parteien übergreifenden, anderen Großen Koalition all jener, die an eine Pflicht zum Eingreifen glaubten und das Versäumnis kritisieren, warum also sollte man ihr nicht eine Form geben? Ich weiß nicht, welche, aber jedenfalls eine Form. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Es scheint so, als seien Sie es gewesen, der den französischen Präsidenten überzeugt hat, sich für die Intervention einzusetzen. Wo waren denn da seine Berater im Élysée? Wo war das Außenministerium, an dessen Spitze mit Alain Juppé ein bedeutender Politiker steht?

Da war tatsächlich niemand auf dem Laufenden. Weder der Minister. Noch die Chefs der Armee. Aber wen sollte das überraschen? Diese Art souveräner Entscheidung über Krieg und Frieden trifft man, glaube ich, ganz allein.

Wieso haben gerade Sie ihn überzeugt?

Das weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich gerade da war. Vielleicht weil ich die Worte fand, die ihn berührten. Ich weiß es nicht.

Welche Worte?

Ich habe ihm gesagt: Wenn Gadhafi nach Bengasi kommt, wird es ein Blutbad geben, und das Blut wird auf die große französische Fahne spritzen, die an der Uferpromenade der Stadt angebracht wurde. Ich habe ihn an die schöne Geste François Mitterrands erinnert, der sich überraschend mit dem bosnischen Präsidenten Izetbegović getroffen hatte – und an den Kleinmut Chiracs, der den afghanischen Widerstandskämpfer Massoud ausgeladen hatte, wegen der Warnungen unserer Diplomaten vor Repressalien gegen französische Staatsangehörige in Kabul. Ich habe zu Sarkozy gesagt: »Mitterrand oder Chirac, Sie haben die Wahl.«

Während der Revolution in Tunesien und Ägypten hat man sich dort gefragt, ob die französischen Intellektuellen wirklich auf der Seite der Demonstranten stehen. Können Sie diese Frage verstehen?

Es stimmt, dass nicht viele von uns sofort das ägyptische Ereignis begrüßt haben. Und noch weniger das tunesische. Als ich, noch vor dem Sturz Ben Alis, dazu aufgerufen hatte, die Websites des tunesischen Regimes zu hacken, haben mich die Leute für verrückt gehalten.

Frankreichs Reaktionen hatten insgesamt Fragen aufgeworfen.

Zu Recht! Die Deutschen haben gerade einen schlechten Außenminister; nun, wir hatten eine Außenministerin namens Michèle Alliot-Marie, die in jenem Moment kaum besser war und deren erster Reflex darin bestand, Ben Ali polizeiliche Verstärkung anzubieten. Und was die andere Seite betrifft, die extreme Linke mitsamt ihren sogenannten revolutionären Intellektuellen, so waren sie dermaßen Gefangene ihrer alten Schemata, dass sie nicht sahen, buchstäblich nicht sahen, was an diesem Ereignis machtvoll und einzigartig war.

Eine Revolution. In Ihrem jüngsten Buch hatten Sie freilich geschrieben, es komme nicht darauf an, die Welt zu verändern, sondern ...

… sie zu reparieren. Aber gewiss! Genau das tun ja die arabischen Demokraten. Wir dürfen nur nicht blind werden und uns von unserer Wächterpflicht lossagen. Es wird schließlich auch Rückschritte und Fehlentwicklungen geben. Angesichts des arabischen Frühlings kann man sehr wohl enthusiastisch und zugleich beunruhigt sein, hingerissen und perplex.

Die Fragen stellte Gero von Randow


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