« Je joue, mais vraiment sincèrement », dit BHL. « Looking for Europe » est à Berlin le 15 avril. (« Ich spiele, aber vollkommen aufrichtig », Die Zeit)

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Le philosophe français Bernard-Henri Lévy met en garde dans un one-man-show quant à la chute de l’Europe.

Une conversation sur sa nouvelle forme d’engagement.

DIE ZEIT: Abend für Abend stehen Sie allein auf riesigen Bühnen und monologisieren über Europa. Wie nennen Sie das, was Sie da machen?

Bernard-Henri Lévy: Ich glaube, es ist Theater.

ZEIT: Der Philosoph als Theaterautor und Schauspieler. Ist das Modell dafür noch immer Jean-Paul Sartre, über den Sie ein Buch geschrieben haben?

Lévy: Die Philosophie des Engagements war von Anfang an mein Lebensmodus, meinemanière d’être. Sartre bleibt mein Modell.

ZEIT: Der Philosoph, der von der Bühne herab eine politische Botschaft verkündet, ist inzwischen ein wenig aus der Mode gekommen.

Lévy: Das Theater überlebt seit 25 Jahrhunderten, warum sollte es vierzig Jahre nach Sartres Tod plötzlich altmodisch werden?

ZEIT: Sie touren wie einer der barfüßigen Wanderprediger der 1920er-Jahre durch die Lande und warnen die Leute vor dem nahen Untergang der westlichen Welt.

Lévy: Ein Prediger bin ich auf keinen Fall. Für mich ist Engagement nicht nur eine Sache von Ideen. Es ist auch eine Sache des Körpers. Als ich die Kurden verteidigen wollte, bin ich zu ihnen gefahren. Als ich die Aufständischen in Sarajewo verteidigt habe, bin ich zu ihnen gefahren. Jetzt habe ich einen Text geschrieben, und wenn ich will, dass dieser Text absolut wahr und aufrichtig rüberkommt, muss ich ihn selbst sprechen.

ZEIT: Das heißt, Sie spielen gar nicht?

Lévy: Ich spiele vielleicht ein bisschen, aber vollkommen aufrichtig. Ich spiele vor riesigen Sälen, in Amsterdam waren es 1500 Leute, in Madrid auch 1500, in Mailand 2000. Die Stimme muss tragen.

ZEIT: Wer ist dieser Typ, der da spricht?

Lévy: Ein französischer Schriftsteller, der die Tragödien der letzten fünfzig Jahre durchlebt hat, vor allem die Bombardierung Bosniens. Er hat unheilbare Verletzungen. Er denkt, dass es fünf vor zwölf ist und dass sein Haus, dass Europa um Mitternacht in Flammen aufgeht.

ZEIT: Glauben Sie das ernsthaft?

Lévy: Europa wird auseinanderfallen, sogar der Euro wird verschwinden, wenn wir nichts tun.

ZEIT: Schuld daran sind in Ihrem Stück die linken und rechten Populisten. Sie zählen aber auch die Gelbwesten zu den Totengräbern Europas.

Lévy: Auch soziale Bewegungen sind vor dem Faschismus nicht gefeit. Viele der Forderungen der Gelbwesten ähneln dem Programm von Marine Le Pen.

Lévy: Der Hass gegen die Republik, die Abkehr von der repräsentativen Demokratie, die Idee, zum Élysée-Palast zu ziehen, um den Präsidenten der Republik herauszufordern. Wenn der Front National so etwas täte, würden alle aufschreien.

ZEIT: Wenn Europa heute kurz vor dem Untergang stehen soll, wann ging es ihm denn dann gut?

Lévy: Zum Beispiel unter Kohl und Mitterrand. Damals war man bereit, einen Preis für das langfristige Wohlergehen Europas zu zahlen und dafür auf kurzfristige nationale Vorteile zu verzichten.

ZEIT: Kohl und Mitterrand sind Ihr europäisches Traumpaar?

Lévy: Wenn Sie Helmut Kohl mit Madame Krampe-Ka… Ka…

ZEIT: Nur Mut!

Lévy: … mit Madame Kramp-Karrenbauer vergleichen, muss ich sagen, dass wir große Rückschritte gemacht haben. Ich habe ihre Antwort auf den Brief von Macron gelesen, ich sehe, dass ihrer Partei die europäische Hoffnung mehr und mehr zur Last wird. Die Großzügigkeit der Kohl-Jahre ist nirgends mehr zu erkennen.

ZEIT: Woran liegt das?

Lévy: Die rechten und linken Populisten üben einen ungeheuren Druck auf die politische Klasse aus. In Frankreich biedert man sich den Gelbwesten an, in Deutschland der AfD. Die politische Klasse hat Angst, ihre Werte zu verteidigen.

« Europa braucht Gesichter und keine Funktionäre »

ZEIT: Träumen Sie von einem lateinischen Imperium unter romanischer Führung, wie es der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen hat?

Lévy: Ich war es, der den Text von Kojève über das lateinische Imperium zum ersten Mal publiziert hat. Das Interessante daran ist die Idee, die Gewichte in Europa wieder in Richtung Griechenland, Italien und zur lateinischen Welt hin auszubalancieren. Aber der Text von Kojève ist rätselhaft und sicher kein Modell. Das Großartige an der Europäischen Union ist ja gerade, dass es absolut kein historisches Vorbild für sie gibt.

ZEIT: Sie polemisieren in Ihrem Stück gegen die Brüsseler Bürokratie « ohne Seele und ohne Geist ».

Lévy: Die Brüsseler Institutionen haben keine Aufgabe, kein Mandat, kein Charisma. Europa braucht aber Gesichter und keine Funktionäre.

ZEIT: Haben Sie den Roman Serotonin von Michel Houellebecq gelesen, in dem er sich über die Brüsseler Bürokraten mokiert, die den aufrechten französischen Milchbauern den Garaus machen?

Lévy: Ich bin absolut anderer Meinung. Houellebecq hat Angst, dass Frankreich zu einem Museum wird, das von Chinesen und Russen besucht wird. Aber man kann die Globalisierung nicht aufhalten, man muss sie gestalten.

ZEIT: Welche zeitgenössischen europäischen Autoren und Autorinnen lesen Sie?

Lévy: Die 29 Autoren, die mit mir den Aufruf für Europa unterzeichnet haben. Unter den deutschsprachigen sind das Peter Schneider, Hans Christoph Buch, Herta Müller und Robert Menasse. Die deutsche Presse kann ich nicht lesen, ich habe da meine sprachlichen Grenzen.

ZEIT: Das Gespräch zwischen den europäischen Intellektuellen ist nicht verstummt?

Lévy: Es geht nicht nur um Austausch, das macht schon das Erasmus-Programm. Es geht darum, die Welt gleichzeitig von Berlin, von Mailand, von Paris und von Madrid aus zu betrachten. Es geht um die Gleichzeitigkeit der Perspektiven wie in den Romanen von Sartre und Dos Passos. Russland sieht anders aus, je nachdem, ob man es von Kiew, von Vilnius oder von Athen aus betrachtet.

ZEIT: Sie vergleichen die gegenwärtige Europa-Politik mit der zur Zeit des Münchner Abkommens, als die europäischen Mächte hofften, Hitler zu besänftigen, indem sie die Annexion der Tschechoslowakei duldeten.

Lévy: Wenn man die Annexion der Krim akzeptiert, akzeptiert man dann als Nächstes die Annexion des Donbass und dann die der baltischen Staaten? Europa hat Angst vor Putin. Es kauft ihm seine Geschichte, dass er sich nur verteidigen will, viel zu bereitwillig ab.

ZEIT: Statt was zu tun?

Lévy: Statt die Kurden zu unterstützen und die letzten demokratischen, freien Syrer.

ZEIT: Und unterstützen heißt …

Lévy: Waffen liefern, den Luftraum sichern oder zumindest damit drohen.

ZEIT: Am Ende Ihres Stückes rufen Sie eine Menge berühmter Männer auf, die Ihr ideales Europa führen sollen. Albert Camus soll für die Revolte zuständig sein, Sigmund Freud für die Hypnose, Michel Houellebecq für die Tierrechte und Federico Fellini für die Frauenrechte. Jorge Semprún soll die Verteidigung übernehmen, Denis Diderot die Bildung, George Soros die Finanzen und Henri Michaux das Gesundheitswesen. Das ist ein ziemlich erlesenes Kulturpatriarchat.

Lévy:(durchsucht den Text in seinem Handy) Und Mutter Teresa, Melina Mercouri, Penélope Cruz, Anne Frank. Es gibt schon auch ein paar Frauen.

ZEIT: Werden Sie sich irgendwann zurückziehen und in aller Ruhe nur noch Bücher schreiben?

Lévy: Nein, ich mache weiter.

ZEIT: Lieber auf offener Bühne sterben als im stillen Kämmerlein?

Lévy: Ich sterbe noch nicht. Das heißt, ich weiß schon, dass ich eines Tages sterben werde. Aber Sterben steht jetzt noch nicht auf dem Programm. Die Leute, die sich zurückziehen, für die steht Sterben auf dem Programm. Ich mache es wie Sartre, alles gleichzeitig, leben und schreiben, tagsüber politisch aktiv sein, nachts am großen Flaubert-Buch weiterarbeiten.

ZEIT: Und was ist Ihr Programm für die Nacht?

Lévy: Dante und Thomas Bernhard. Und mein Europa-Stück, dieses verrückte Palimpsest. Nacht für Nacht sitze ich irgendwo allein in einem Hotelzimmer und schreibe weiter an meinem Stück.

https://www.zeit.de/2019/16/bernard-henri-levy-theater-looking-for-europe/komplettansicht

Retrouvez les dates de la tournée de BHL  « Looking for Europe ».


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