BHL : L’Europe se résignera-t-elle au pire ? (« Wird sich Europa mit dem Schlimmsten abfinden? Die Welt)

MILAN3
« L’intellectuel français Bernard-Henri Lévy est en tournée avec sa pièce « Looking for Europe » dans 20 capitales européennes. Sa mission : Il veut sauver l’UE. »
Pour Die Welt, partenaire de l’évènement en Allemagne, il raconte ses grands moments européens.
Un monologue passionné. Le 15 avril, il sera à Berlin au Théâtre Urania.

Ein Schriftsteller sagt …

Ein Bauchredner mit eigenem Text …

Es ist die Geschichte Kafkas, wie er mit lauter Stimme vor seinen Prager Freunden den „Prozess“ enthüllt.

Es ist die der amerikanischen Dichter der Beat Generation in den 60er-Jahren, allen voran Burroughs und Ginsberg. Es waren die Mitglieder des Autorenkreises Oulipo wie Georges Perec, die sich selbst das Labyrinth bauten, aus dem sie eigentlich ausbrechen wollten.

Heute ist es Pierre Guyotat, der im Laufe der Jahre sein „Grab für fünfhunderttausend Soldaten“ in hundert Leseinszenierungen vortrug.

Oder auch Christine Angot, die im Théâtre de la Colline und anderswo aus Christine Angot liest.

Aber ich vergesse den, der mir, ich weiß nicht weshalb, am Ende der Mailänder Vorstellung eingefallen ist: Molière, der den „Eingebildeten Kranken“ spielt und sich über seinen eigenen Tod lustig macht, bis er auf der Bühne aufgrund einer ganz und gar nicht eingebildeten Brustentzündung kollabiert und nur wenige Stunden später entschläft.

Und dann vergesse ich noch einen.

Die Gestalt, die mich, ich weiß ebenso wenig weshalb, auf der Bühne in Barcelona verfolgte: Antonin Artaud, der auf der Bühne des Vieux-Colombier sein Theater der Grausamkeit gegen sich selbst richtet.

Also ich selbst oder mein Doppelgänger?

Die kleine Bühne oder die Agora der großen Debatten, mit denen Europa konfrontiert wird?

Philosophie im Kämmerlein oder Agitprop?

Ideengeber oder Besessener?

Bertolt Brecht oder Michel Leiris?

Distanzierung oder eher das Horn des Stieres, das sich gegen einen selbst wendet?

Oder auch anders gesagt: der Neffe Rameaus oder die Lektionen des Actor’s Studio?

Es ändert sich jedes Mal. Und das mehrfach jeden Abend, bei jeder Vorführung, in jeder Stadt, ich weiß nicht weshalb.

Wird sich Europa mit dem Schlimmsten abfinden?

Ein drittes Mal Selbstmord begehen, wenn auch in kleinen Schritten?

Oder wird es sich wieder fangen und seine Dämonen bezwingen?

Um auf diese Frage vielleicht eine Antwort zu geben, werde ich am kommenden 15. April abends auf der Bühne im Humboldt-Saal der Urania in Berlin stehen.

Ich bin kein Politiker.

Ich strebe kein Mandat an.

Ich werde in Berlin eine Kampagne abhalten, doch ohne für irgendetwas zu kandidieren.

Ich werde in Deutschland sein, um meine Rolle als Bürger Europas zu übernehmen, meine Aufgabe als Europapatriot zu erfüllen, an der weltweiten Treibjagd derer teilzunehmen, die auf der Suche nach der kleinen bedrohten und verlorenen Prinzessin Europa sind.

Mailand.

Die Vorstellung beginnt.

Gestärkt durch die Unbefangenheit des Anfängers und den Satz Hölderlins, den ich mir ständig vorsage, dass dort, wo die Gefahr wächst, auch das wächst, was der Rettung dient, lasse ich mich mit Leib und Seele auf diese Europakampagne ein.

Es ist der 5. März.

Ende Mai ist alles vorbei.

In 20 Hauptstädten des alten Kontinents werde ich auf der Bühne immer wieder denselben Monolog eines Schriftstellers darbieten, der, eingeschlossen in einem Hotelzimmer in Sarajevo, gequält wird von den Leiden der Gegenwart, den Versäumnissen, den Fehlern, aber auch vom Blendwerk der europäischen Zivilisation.

Es ist ein etwas verrücktes Unterfangen, das da seinen Anfang nimmt, dieser Kampf gegen die Windmühlen Europas.

Es ist noch ein wenig verworren, aber so fängt alles an.

Es war in Valencia, wo mir alles klar wurde.

Die immerwährende, von Idealismus geprägte Revolte des Don Quijote gegen den Pragmatismus des Sancho Panza.

Die Maßlosigkeit des Ersteren gegenüber der Ernsthaftigkeit des Zweiten und die akribische Sorgfalt, mit der er die alten Klepper beschlägt …

Aber, mein Gott, es ist doch ganz offensichtlich!

Der wahre Gründervater Europas ist möglicherweise gar nicht Jean Monnet oder Robert Schuman, oder Adenauer – es ist Cervantes.

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Pessimismus der Vernunft und dem Optimismus des Willens.

Aber wer würde angesichts der Herausforderung den Kampf nicht aufnehmen?

Wien.

Es ist schon sehr spät, sagt der Protagonist aus „Looking for Europe“.

Seit Bosnien vor 25 Jahren hatte er seine Verpflichtungen fern von Europa und seinen alten Schutzwällen aufgenommen.

Afghanistan … die vergessenen Kriege Afrikas … Libyen … gestern noch Kurdistan und seine unverzagten Peschmergas …

Sicher, er hat es nicht versäumt, gegen die Le Pens, Vater und Tochter, anzukämpfen.

Aber sein Interesse und seine Vorliebe galten viel mehr der Ferne als der Nähe.

Wie so viele, die dachten, dass sich Europa auf dem richtigen Gleis befand, für immer dem progressiven Verlauf der Geschichte folgend, der Frieden und Wohlstand ohne Konflikte versprach, ließ er sich treiben.

Es gab ein böses Erwachen. Von allen Seiten begannen sich Populismen, Nationalismen und Ethnizismen zu bilden und auszuflocken.

Ein düsteres Europa kam zum Vorschein, das jeden Tag ein wenig mehr aus einem Schlaf erwachte, den man doch für dauerhaft gehalten hatte.

Europäer, die sich gegen Europa vereinigt hatten, triumphierten in Budapest, Rom, Warschau und Prag, sogar in London.

Und die, die mit Kopf und Herz Europäer waren, wussten nicht mehr weiter, waren wie betäubt, resignierten und gaben sich bald einem Euro-Pessimismus hin, der mit einer tiefen Demokratiemüdigkeit einherging.

Das wurde ihm in Wien klar. Ich hatte vor vier Jahren ein erstes Stück mit dem Titel „Hôtel Europe“ veröffentlicht, das den Entwurf des aktuellen Stückes inspiriert hat.

Letzten Sommer folgte in London mit „Last Exit Before Brexit“ ein weiteres.

Dort erschien dann unter Zeitdruck und angesichts einer immer brisanter werdenden Lage „Looking for Europe“, dieses Stück im Stil von Diogenes, der einen ehrlichen und wahrhaftigen Mann in den Straßen von Athen sucht und dabei seine Laterne am helllichten Tag schwenkt.

Heißt das, dass Europa definitiv verloren, dem Schiffbruch geweiht oder sogar bereits schiffbrüchig geworden ist?

Heißt das, dass Europa nicht auffindbar ist, weil es niemals wirklich existiert hat?

Dieses Gefühl ereilt mich in Amsterdam, wo ich wegen einer Panne plötzlich keine Unterstützung durch meinen geheimen kleinen Prompter mehr erhalte, der in meinem Computer versteckt ist: Normalerweise beachte ich ihn gar nicht, aber ich weiß, dass er da ist, und das beruhigt mich. Doch nach dieser Panne vermisste ich ihn absurderweise plötzlich schmerzlich, was mich den restlichen Abend in tiefe Verwirrung und ein Gefühl absoluter Verlassenheit stürzte.

In Valencia hatte ich, ich weiß noch immer nicht warum, genau das entgegengesetzte Gefühl.

Ich wage in Valencia Folgendes zu behaupten: Im Gegensatz zu dem, was der Name dieses Stücks, das einem Exorzismus gleicht, aussagt, lässt sich Europa durchaus finden, wenn man es denn sucht, es rühmt und es preist, wenn man es sich in Erinnerung ruft und es mit Worten bezeichnet, die es über seine bürokratische Sprache und sein Wesen hinausheben. Und man stellt fest: Es existiert tatsächlich.

Plötzliches Glücksgefühl.

Heftige und nahezu unerklärliche Trunkenheit.

Ah! Dieses leidenschaftliche Publikum von Europäern, in Brüssel und auch in Amsterdam.

Aufrichtige Liebhaber des europäischen Mythos.

Leidenschaftliche Verehrer der kleinen Prinzessin Europa.

Am Ende kommen sie und erzählen mir überschwänglich davon.

Sie stimmen durch ihre Gegenwart und ihre letztendliche Akzeptanz für Europa – nicht in der Form, wie es heute ist, bemitleidenswert und ungeliebt, sondern für ein Europa, wie es sein könnte, so, wie ich es heraufbeschwöre und dort im Theater in der Dunkelheit des Saales dem Publikum ausmale.

Aus diesem Publikum heraus, das so unterschiedlich und so ähnlich zugleich ist, entsteht ein Glaube, ein Gefühl der Zugehörigkeit, das für alle durch die Geschichte ihrer jeweiligen Länder verbunden ist.

Aus jedem ertönt ein Echo – immer ein wenig anders und doch immer gleich – auf das große europäische Abenteuer, auf Kriege und Frieden, die ineinander übergehen, auf das Gefühl des Absurden vermischt mit dem Abenteuer der Vernunft und mit seinem Heldentum.

Ideen, Literatur, die schönen Künste verschmelzen schließlich in einem gemeinsamen Erbe, einem gemeinsamen Schicksal, das Namen trägt wie Dante, Erasmus, Cervantes, Spinoza, Descartes, Kant, Husserl oder Václav Havel.

All diese Ideengeber des freien Denkens waren Brüder in der Europäizität.

All diese finden sich in meinem Monolog wieder, ebenso wie in der Vorstellung jener, die mir zuhören und in ihnen ihre wirklichen Ahnen erkennen.

Was die Gegenwartsgeschichte betrifft, so ist sie als solches ein Palimpsest, das ich jedes Mal, bei jeder Station neu schreibe.

Alle, an allen Orten und in allen Ländern, haben mit den gleichen Totgeglaubten, den gleichen Schreckgespenstern, den gleichen Hasspredigern zu tun, die ich dem Publikum zum Fraß vorwerfe und die es mit Herzenslust zerfleischt.

Sie nennen sich Vox in Spanien, Lega in Italien, Fidesz in Ungarn, AFD in Deutschland, PiS in Polen, Baudet in den Niederlanden, Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi) in Griechenland, Sebastian Kurz in Wien.

Oder auch das andere Extrem: Podemos in Madrid, La France Insoumise in Paris und Jeremy Corbyn in London.

Denn ganz offensichtlich ist das alles dasselbe.

Es ist ein schönes Festival der Untoten, das ich hier heraufbeschwöre, und ich nenne sie beim Namen und stelle sie öffentlich an den Pranger.

Und ihnen stelle ich liebevoll meine großen Männer gegenüber, ihre goldwerte Intelligenz, den Heroismus ihres Verstandes und die heftige Chemie ihrer Träume: Byron in Mesolongi, Husserl gegen Heidegger im Rahmen seiner Konferenz 1935 in Wien, Orwell in Katalonien, Garcia Lorca in Sevilla, meinen lieben Albert Cohen auf Korfu, bis hin zu Pessoa, den ich zum Minister des Nichts ernenne.

Und dann John Locke für die Menschrechte.

Und dann George Soros für die Finanzen, gemeinsam mit Mutter Teresa.

Alle sind Teil einer imaginären Europa-Regierung, deren Vorsitz dieser oder jener fiktive Held innehat.

Für Kanzlerin Merkel habe ich eine ebenso brillante wie unerwartete Fortsetzung ihrer Karriere vorgesehen – aber pscht! Das ist die Überraschung im fünften Akt …

Diese Tournee auf europäischem Boden hat es mir ermöglicht, einige der derzeit führenden Persönlichkeiten und guten Europäer zu treffen.

Matteo Renzi in Mailand.

José María Aznar in Madrid.

Petro Poroschenko in Kiew, am Vorabend seiner angekündigten Niederlage.

Alexis Tsipras und den Präsidenten Prokopis Pavlopoulos in Athen.

Und andererseits das Antieuropa von heute, das ich am Montag, den 8. April in Budapest auf persönlichen Wunsch Viktor Orbáns sah. Sollte ich annehmen? Selbstverständlich. Und wenn es nur war, um das Rätsel dieses jungen Mannes zu ergründen, dem ich vor 30 Jahren am Tag nach dem Fall der Berliner Mauer begegnet bin, damals ein hitzköpfiger Dissident – und 30 Jahre später die Inkarnation der Demokratur und der illiberalen Anfechtung.

Und dann vergesse ich beinahe das Wichtigste …

In Athen, wo Europa geboren wurde und wo ich dieses Stück im tausendjährigen Schatten griechischer Tragödien aufgeführt habe, saß im Pallas-Saal eine junge Frau, eine entfernte Nachfahrin der Antigone, die dutzendfach elternlose Kinder aus Syrien auf den Inseln Lesbos und Kos aufnimmt.

In Athen und anderswo hat sie Flüchtlingshäuser eingerichtet, die ihrem Namen gerecht werden.

Ruhm und Ehre gebührt ihr und allen, die sich, wie sie, weigern, dass Europa zum Boden der Unmenschlichkeit wird und es bereits am helllichten Tag tiefe Nacht wird.

Aus dem Französischen von Dorothea Rose und Tobias Nikolajewski.

Am 15. April 2019 um 19.30 Uhr ist Bernard-Henri Lévy mit dem Stück „Looking for Europe“ in der Urania in Berlin zu sehen. Tickets gibt es unter https://www.urania.de/looking-europe.

WELT ist Medienpartner der Aufführung.

https://www.welt.de/politik/ausland/plus191666659/Bernard-Henri-Levy-ueber-EU-Wird-sich-Europa-mit-dem-Schlimmsten-abfinden.html

BERLIN

 

Photo : Yann Revol

Classés dans :, ,

Laisser un commentaire

Votre adresse de messagerie ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *

Vous pouvez utiliser ces balises et attributs HTML : <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>